Max

Dear Reader #42
Literarischer Vampirismus – Clemens Setz über seine Leseliste

Dear Reader #42

Literarischer Vampirismus – Clemens Setz über seine Leseliste

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Clemens Setz und Mascha Jacobs tauschen Buchtipps aus. Aber nicht nur einen oder zwei, sondern gleich eine ganze Buchliste voll. Oder wie Clemens Setz selbst sagt: Er ist die Buchliste.

Zu Gast: Clemens Setz …

… wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik und Germanistik studiert hat. Er lebt als Übersetzer und freier Schriftsteller in Wien. Mittlerweile hat Setz 14 sehr verschiedene Bücher verfasst, die auch ständig prämiert werden. 2011 wurde er zum Beispiel für seinen Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Sein Roman „Indigo“ stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2012. Und für seinen Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ hat er den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2015 erhalten, 2021 folgte schließlich der Georg-Büchner-Preis.

Clemens Setz hat uns mit seinem Buch „BOT. Gespräch ohne Autor“ schon in seinen Zettelkasten und sein Referenzsystem, seine Poetologie hineinlinsen lassen. Nach von seiner Lektorin hingeworfenen Stichworten, Gedanken und Fragen hat er seinen Computer, seinen digitalen Zettelkasten, sein elektronisches Tagebuch, die ausgelagerte Seele des Autors, geöffnet. Ein Buch voller Liebe für andere Texte und Bücher. Genauso wie sein letztes Buch „Die Bienen und das Unsichtbare“, ein literarisches Sachbuch, dass sich um Plansprachen, Megalomanien und um die Liebe für Lebensläufe, Entscheidungen, Beschränkungen und Erweiterungen des Menschen dreht. Beide sind bei Suhrkamp erschienen.

Ich habe ein vampirisches Verhältnis zur Kunst. Das heißt, ich kann auch die Kunst von unangenehmen Menschen genussvoll finden, wenn ich etwas daraus ziehen kann. Alles ist irgendwie auch meine Beute.

Indem ich ein Buch kaufe, verneige ich mich vor der Person. Indem ich es genieße, empfinde ich es als meinen Freund oder meine Freundin, mein Vorbild und mein Tribe, mein Clan-Mitglied.

Der oder die es geschrieben hat, kann mein Gegner, meine Gegnerin sein. Oder ein Jemand, der mir vollkommen fremd ist oder mir sogar Böses will. Selbst das geht. – Clemens Setz

Mehr solcher Plädoyers von Clemens Setz findet man in der neuen Folge von „Dear Reader“ mit Mascha Jacobs. Die beiden sprechen über Setz‘ lange Leseliste und Empfehlungen, über seine Art selbst zu lesen und über sein aktuelles Buch.
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Dear Reader #41
Tijan Sila über Jugend, Sprache, Gewalt, Krieg und Liebe

Dear Reader #41

Tijan Sila über Jugend, Sprache, Gewalt, Krieg und Liebe

 

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In „Krach“ schreibt Tijan Sila über Punkrock, Liebe, Gewalt und wie man sein Leben leben kann – oder könnte. Darüber spricht er mit Mascha Jacobs in der neuen Folge „Dear Reader“.

Zu Gast: Tijan Sila …

… dem sich Mascha Jacobs sofort sehr verbunden gefühlt hat, obwohl sie sich noch nie gesehen haben. Und obwohl ihr Heranwachsen zumindest am Anfang unterschiedlicher nicht hätte sein können.

Mit einer Schussverletzung und Geschwüren Aufgrund von Mangelernährung kommt Tijan Sila mit 13 Jahren nach Deutschland. Der Schriftsteller, 1981 zur Welt gekommen, hatte da schon drei Jahre im belagerten Sarajevo gelebt und den Krieg in all seinen Facetten erlebt. Gewalterfahrungen in der Konzentration und Drastik als ständiger Begleiter.

Und deswegen ist auch sein aktueller Roman – der zwar nicht autofiktional zu verstehen ist, aber viele Erfahrungen des Autors aufnimmt – eine detaillierte Auseinandersetzung mit Identität. Und was Subkulturen mal damit zu tun hatten. In „Krach“, gerade bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht, geht es um Punkrock, Liebe, Gewalt und wie man sein Leben leben kann oder könnte.

 

Dialekt ist in deutscher Literatur absolut tabu. Die deutsche Literatur behauptet immer wieder von sich, sie liebe die Sprache. Aber es ist die Liebe zu einer sehr bestimmten Sprache, die Sprache Thomas Manns, die ich total hasse: ‚drangvoll wilde Bergstraße‘, steht auf der dritten oder vierten Seite vom ‚Zauberberg‘. Ich denke mir: Was willst du von mir? Du spinnst doch! –  Tijan Sila

Darüber sprechen Tijan Sila und Mascha Jacobs bei Dear Reader. Aber auch wie immer über seine Lieblingsbücher: „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert, „Die Gärten der Finzi-Contini“ von Giorgio Bassani und „The Car Thief“ von Theodore Weesner. Sie sprechen auch über Stilisten, Dialekte, Jugendliche, die barbarischen 90er-Jahre, Pubertät, Wildheit, Schreibweisen, Stadtbücherei, Kunstsprachen, Schimpfworte, Schundromane, Gefühle, Krieg, Sommerromane und unerwiderte Liebe.

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Dear Reader #40
Juliane Liebert über Lyrik und ihre Liebe zum Schimpfen

Dear Reader #40

Juliane Liebert über Lyrik und ihre Liebe zum Schimpfen

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Juliane Liebert liest nicht so gerne ihre Gedichte vor – woran liegt’s? Unter anderem darüber spricht Mascha Jacobs mit der Autorin in einer neuen Episode von „Dear Reader“.

Dieses Mal ist Juliane Liebert bei Mascha Jacobs zu Gast. Liebert, geboren 1989 in Halle an der Saale, hat an der Universität der Künste in Berlin studiert und arbeitet als freie Autorin und Journalistin. Unter anderem ist sie für die Süddeutsche Zeitung, Die ZEIT und den Spiegel tätig. Wenn sie nicht journalistisch unterwegs ist, schreibt sie Lyrik und Prosa. Zuletzt sind zwei neue Werke von ihr erschienen: „Hurensöhne. Über die Schönheit und Notwendigkeit des Schimpfens“ bei starfruit publications und der Gedichtband „Lieder an das große Nichts“ bei Suhrkamp.

 

Juliane Liebert: Die Liebe zum Schimpfen

Mascha Jacobs und Juliane Liebert treffen sich digital, um über das Lesen und Schreiben zu sprechen – und vor allem über Gedichte und das Vorlesen. Dazu passend gibt es auch die drei Lieblingswerke von Liebert, und auch dort sind einige Gedichte dabei: „ZÜRN“ von Unica Zürn, „Die Ballade von den Vogelfreien“ von François Villon (dtv), „Zur Feier meines Uterus“ von Anne Sexton (Fischer) und Diana Wynne Jones: „Das wandelnde Schloss“ (Knaur).

Es war als Kind ja eh immer interessanter, die Erwachsenenbücher zu lesen. Ich glaube, das Tolle daran war, dass man nur die Hälfte verstanden hat. Wenn es jetzt als Erwachsene noch mal Bücher gäbe, bei denen man einfach ein Viertel nicht verstehen würde, aber man weiß, dieses Viertel ergibt irgendwie Sinn, das wäre fantastisch. Das muss mal jemand schreiben. –  Juliane Liebert

Neben den Lieblingstexten sprechen die beiden auch über Trost, Musik, Gaunereien und die Lesesozialisation der Autorin. All dies hört ihr in der neuen Folge von „Dear Reader“.

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Dear Reader #39
Dorothee Elmiger: „Ich bin eine Leserin“

Dear Reader #39

Dorothee Elmiger: „Ich bin eine Leserin“

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In dieser Folge hat Mascha Jacobs die 1985 in der Schweiz geborene Schriftstellerin Dorothee Elmiger eingeladen, um mit ihr über ihre Lieblingstexte und über ihre neues Buch zu sprechen.

Dorothee Elmiger hat Literatur am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert, sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Hinzu kommt ein Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Luzern und Berlin. Zurzeit lebt und arbeitet sie in Zürich und produziert Essays, Texte, Romane und Montagen zur Kunst. Nach Elmigers Büchern „Einladung an die Waghalsigen“ (2010) und „Schlafgänger“ (2014) hat sie 2020 ihren dritten Roman veröffentlicht: „Aus der Zuckerfabrik“.

 

Dorothee Elmiger: Bücher als Ausgangspunkt

Dafür hat sie einiges an Aufmerksamkeit geerntet. Unter anderem stand sie auf der Shortlist für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis 2020. Ihr Buch ergründet die Zusammenhänge zwischen dem Begehren und europäischem Kolonialismus. Der Zucker als Genussmittel, das Begehren als weit in der Geschichte zurückverfolgbarer Antrieb. Elmiger kreiert eine Montage aus Recherchen, Lektüren, Gesten und Gesprächen. Dabei ist sie verspielt sowie maßlos, widerspenstig und experimentell. Ein Buch, bei dem alles zusammenhängt, sich aber nirgendwo ein klarer Plot abzeichnet.

Ich bin keine Autorin, die sich alles ausdenkt. Ich bin eine Leserin. Ich hoffe immer, dass es nicht nur dabei bleibt, aber für mich sind die Bücher und Lektüren ein ganz wichtiger Anfangspunkt. – Dorothee Elmiger

Mascha Jacobs spricht in dieser Folge von „Dear Reader“ mit Dorothee Elmiger über ihr aktuelles Buch „Aus der Zuckerfabrik“, aber auch über Selbstlegitimierung, Wiederholungen, das Spielerische, Zufälle, Comics, Geschwindigkeiten, Regeln, Sprache und was man mit Literatur bewirken kann.

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Dear Reader #38 </br> Timon Karl Kaleyta: „Ich wollte immer jemand sein, der viel liest.“

Dear Reader #38
Timon Karl Kaleyta: „Ich wollte immer jemand sein, der viel liest.“

Dear Reader #38

Timon Karl Kaleyta: „Ich wollte immer jemand sein, der viel liest.“

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Dieses Mal spricht Mascha Jacobs mit Timon Karl Kaleyta. Es geht um seine Lieblingsbücher, Ernsthaftigkeit und Humor.

Timon Karl Kaleyta ist ein Ex-Popsternchen aus dem Ruhrgebiet. Mit seiner Band „Susanne Blech“ hat er mehrere Alben veröffentlicht. Er studierte in Bochum, Madrid und Düsseldorf und ist Gründer des Instituts für Zeitgenossenschaft IFZ. Nach dem finanziellen Ruin mit der Musik schrieb er darüber einen Text („Wie ich mal fast Popmusiker geworden wäre und darüber vorübergehend verarmte“), der den Lektor des Piper Verlags veranlasste, ihm einen Buchvertrag zu unterbreiten. Seither lebt er als Kolumnist, Drehbuchautor und Ehemann einer erfolgreichen Kunsthändlerin in Berlin. Der besagte Roman ist gerade unter dem Titel „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ erschienen.

Timon Karl Kaleyta und sein Schelmenroman

Es bestehen Ähnlichkeiten zu der Biografie seines Verfassers. Allerdings ist der Ich-Erzähler jemand, der sich ständig irrt, sich selbst überschätzt, ausschließlich aussichtslose Kämpfe kämpft, immer zu spät oder auf dem Holzweg ist und sich selbst belügt. Ein großes Lesevergnügen, das dem derzeit beliebten Genre der Autofiktion noch mal einen neuen Dreh gibt. Timon Karl Kaleyta orientiert sich an der Gattung des Schelmenromans und interessiert sich für Humor und Ernsthaftigkeit. Wie in einem seiner mitgebrachten Lieblingsbücher „Rot und Schwarz“ von Stendhal kämpft auch sein Ich-Erzähler gegen die Übermächte der Welt.

Das ist für mich das Thema bei allen Büchern, die ich mitgebracht habe. Dass man den Mächten der Welt nicht entrinnen kann […]. Diesen Fatalismus schätze ich sehr. Das ist das Gegenteil von „Yes we can“. – Timon Karl Kaleyta

Es geht in dem Gespräch zwischen Mascha Jacobs und Timon Karl Kaleyta auch um „1979“ von Christian Kracht und „Den Untergeher“ von Thomas Bernhard. Sie sprechen darüber, was man der Literatur überhaupt noch hinzufügen kann, über Stilparodien, Überaffirmationen und doppelte Böden.

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Dear Reader #37
Mohamed Amjahid: „Ich will keine Opferpornos schreiben“

Dear Reader #37

Mohamed Amjahid: „Ich will keine Opferpornos schreiben“

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Mascha Jacobs spricht dieses Mal in unserem Literaturpodcast mit Mohamed Amjahid. Es geht um sein neues Buch „Der weiße Fleck“, Antirassismus und um die Autorinnen und Autoren, die ihn geprägt haben.

Mohamed Amjahid studierte Politikwissenschaft in Berlin und Kairo und forschte an verschiedenen anthropologischen Projekten in Nordafrika. Während seines Studiums arbeitete er als Journalist für die taz, die Frankfurter Rundschau und den Deutschlandfunk. Er schreibt als politischer Reporter für die Wochenzeitung Die Zeit und das Zeit Magazin über Menschenrechten, Gleichberechtigung und Umbrüchen in den USA, Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika. 

Eine Art Übersetzer

1988 in Frankfurt am Main geboren, aber mit sieben Jahren nach Marokko, in die Heimat seiner Eltern migriert, dann nach dem Abitur zum Studium nach Deutschland zurückgekehrt. Die Leseerfahrungen des Autors und Reporters sind mehrsprachig und vielschichtig. Durch die Lebensgeschichte von Mohamed Amjahid hat sich in seinen Werken auch ein anderer Kanon und Blick ergeben.

Der politische Journalist und Buchautor hat 2017 sein Sachbuchdebüt „Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein“ und 2021 eine Art Fortsetzung „Der weiße Fleck. Eine Anleitung zu antirassistischem Denken“ bei Piper veröffentlicht. Er versteht sich als eine Art Übersetzer, der komplexe theoretische Texte, für diejenigen, die nicht die Zeit und Ressourcen haben, aufbereitet. In seinem aktuellen Buch hat er 50 Tipps für antirassistisches Denken und Handeln zusammengefasst.

Ich versuche, aus meiner Lebensrealität heraus, gepaart mit Lektüren und den Analysen, einen Text zu kreieren, der hoffentlich viele Menschen anspricht und niedrigschwellig erklären kann, warum es wichtig ist, über Antirassismus zu sprechen. – Mohamed Amjahid

Mascha Jacobs spricht mit Mohamed Amjahid über Bibliotheken und Strandbüchereien, die Verbindung von Unterhaltung und politischer Bildung, Humor, emanzipatorische Diskurse, Retraumatisierungen und Amjahids Lieblingslektüren: Driss Chraïbis Romane „Le passé simple“ und „La civilisation, ma mère!“,  außerdem Fatima Mernissis Texte wie „Le Maroc raconté par ses femmes“ oder „Shahrazad n’est pas marocaine“ und „How to Write about Trauma“: Roxane Gay im Interview mit Monica Lewinsky.

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Dear Reader #36
Mithu Sanyal – Wenn Gedanken Augen bekommen und zurückschauen

Dear Reader #36

Mithu Sanyal – Wenn Gedanken Augen bekommen und zurückschauen

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Mithu Sanyal ist zu Gast bei Dear Reader. Mit Mascha Jacobs spricht sie über ihr Romandebüt „Identitti“ und ihre Liebe zu Büchern. Einige von ihren Lieblingen stellt sie auch vor.

Mithu Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Sie wurde 1971 als Kind einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters geboren. Neben zahlreichen journalistischen Texten und Hörstücken hat sie bislang zwei Sachbücher veröffentlicht: „Vulva – die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ (Wagenbach) und in der Edition Nautilus: „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“.

Diskurse mit echten Menschen

Der Debütroman von Mithu Sanyal funktioniert wie ein gutes Gespräch. Gewissheiten lösen sich wie nebenbei auf, vorher Eindeutiges wird vielstimmig, Hochgefühle und Resignation wechseln sich ab und es macht Spaß, sogar absurden Argumentationsvolten des anderen zu folgen. „Identitti“, das den realen Skandal einer erfundenen Identität aus dem amerikanischen Diskurs nach Düsseldorf-Oberbilk und in den studentischen rassismuskritischen aktuellen Theoriediskurs verlegt, ist jedoch kein Diskursroman. Er ist weder didaktisch noch erfordert er ein breites Wissen über Postcolonial Studies. „Identitti“ wurde zurecht viel besprochen und steht seit Wochen in den Bestsellerlisten.

Popkultur, Begehren, Gerüche, Gottheiten und die Liebe zur Literatur sind Motive, die „Identitti“ zu einer sinnlichen Leseerfahrung machen. Bücher spielen in dem Roman und in Mithu Sanyals Leben eine zentrale Rolle:

Ich stelle ja in meinem Bücherregal immer Bücher nebeneinander, von denen ich das Gefühl habe, die Figuren mögen sich auch und haben viel miteinander zu tun und können sich dann besuchen. – Mithu Sanyal

Mascha Jacobs und Mithu Sanyal sprechen über Bibliotheken, Zwischentöne, Rassismus, Repräsentation, das Imaginäre, intellektuelle Liebesbeziehungen, Frauenfreundschaften, Mixed-Race-Figuren in der Literatur, unsichtbare und sichtbare Minoritäten und monomanisches Lesen. Mitgebracht hat Mithu Sanyal drei ihrer Lieblingsbücher: „Wuthering Hights“ von Emily Brontë, „Life Isn’t All Ha Ha Hee Hee“ von Meera Syal und „Gaudy Night“ von Dorothy Sayers.

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Dear Reader #35
Jovana Reisinger – An Oberflächen abarbeiten

Dear Reader #35

Jovana Reisinger – An Oberflächen abarbeiten

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Dieses Mal ist Jovana Reisinger zu Gast. Sie spricht mit Mascha Jacobs über ihre Lieblingsbücher, ihren neuen Roman "Spitzenreiterinnen" und das Schreiben.

Jovana Reisinger ist 1989 in München geboren, heute ist sie Autorin, Filmemacherin und vieles mehr. Nach einem Abschluss in Kommunikationsdesign hat sie Drehbuch und Dokumentarfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München studiert.

Immer feministisch

Schon während ihres Studiums hat sie eine Vielzahl an Filmen und Musikvideos gedreht und ihren Debütroman „Still halten“ im Verbrecher Verlag veröffentlicht. Zuletzt hat sie für ihre erste Einzelausstellung in der Kunsthalle Osnabrück die sechsteilige Talkshowreihe „Men in Trouble“ realisiert und ihren Roman „Spitzenreiterinnen“ ebenfalls im Verbrecher Verlag veröffentlicht – ein Episodenroman. Neun Frauen, die die Namen von Frauenzeitschriften tragen, sind die erschöpften und mutigen Protagonistinnen in diesem von Gewalt und Körperzwängen beherrschten Gesellschaftsroman. Die Gewalt geht oft von Männern aus, aber macht auch vor Frauenfreundschaften nicht Halt.

Ihre Arbeiten in den unterschiedlichen Künsten haben gemeinsam, dass sie Macht und Status, die patriarchale Leistungsgesellschaft, Geschlechterrollen und Schönheitsstandards kritisch und humorvoll zum Thema machen. Missglückte Kommunikationen und Künstlichkeit spielen auch oft eine Rolle.

Dieser Konkurrenzkampf ist für mich nach wie vor ein wichtiges Thema. Den finde ich in der Filmwelt und Literaturwelt interessant. Diese Solidarität, die man sich ja eigentlich wünscht, diese Schwesternschaft, die dann aber ganz oft nicht über Klassismus hinauskommt. Oder den weißen Feminismus nicht hinterfragen kann. –  Jovana Reisinger

Im Gespräch mit Mascha Jacobs geht es neben der Lesesozialisation von Jovana Reisinger um Solidarität, Schonungslosigkeit, das Aufwachsen auf dem Land, Formbewusstsein und Antiheimat. Die mitgebrachten Lieblingstexte sind „Der Geliebte“ (dtv) von Angelika Schrobsdorf, „Heilig Blut“ (Verbrecher Verlag) von Gisela Elsner und „Toni und Moni oder: Eine Anleitung zum Heimatroman“ (Kremayr-Scheriau) von Petra Piuk.

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Dear Reader #34
Dmitrij Kapitelman über Einwanderung und Bürokratie – Unter uns und außer uns gesprochen

Dear Reader #34

Dmitrij Kapitelman über Einwanderung und Bürokratie – Unter uns und außer uns gesprochen

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Über den Umgang mit dem Verlust der eigenen Muttersprache, die Konfrontation mit dem, was wir Familie nennen und finsterer Bürokratie geht es in Dmitrij Kapitelmans Buch „Eine Formalie in Kiew“. Und um einen R’n’B Star.

Dieses Mal trifft Mascha Jacobs auf Dmitrij Kapitelman. Der 1986 in der Ukraine geborene Journalist, Musiker und Schriftsteller ist in Kiew und Leipzig aufgewachsen und beschreibt sich selbst nicht ohne Ironie als „einen von den guten Einwanderern“. In seinem Debütroman „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“, der genauso wie sein aktuelles Buch stark autobiografisch gefärbt ist, hat er die Beziehung zu seinem Vater in den Vordergrund gestellt.

Dmitrij Kapitelman über die Familie

In seinem im Februar 2021 bei Hanser Berlin erschienenen Roman „Eine Formalie in Kiew“ ist es das problematische Verhältnis zu beiden Eltern, das die Handlung antreibt. Mit acht Jahren als sogenannter „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland eingewandert, entfremdet die Migrationserfahrung die Familie auch zwanzig Jahre später. Die Entscheidung des Ich-Erzählers, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, ist nicht losgelöst von der komplizierten Familien- und Migrationsgeschichte entstanden. Der „heimtückische“, bewusst sehr schwer gestaltete Einbürgerunsprozess führt den Protagonisten nach Kiew, die Familie wieder zusammen und den Autor Dmitrij Kapitelman zu widersprüchlichen Gefühlen.

Wenn ich zu lange nichts auf russisch lese, dann mache ich mir Sorgen um meine Sprache und somit auch um meine Familie, beziehungsweise die Möglichkeit, mit ihnen zu reden. Ich habe immer den Eindruck, ihr hinterherlaufen zu müssen, sie bleibt aber immer schneller als ich. – Dmitrij Kapitelman

Das Gespräch mit Mascha Jacobs dreht sich nicht nur um Biografisches und brutale Bürokratien. Es handelt auch davon, welche markanten Leerstellen der Roman lässt und wie Humor, Rap und Deutschlands letzter R’n’B-Engel mit Dmitrij Kapitelmans Kunst zusammenhängen. Es geht um magische Momente, den rauen Geschmack von Freiheit, Nazis und Zungenküsse. Und wie immer sprechen die beiden auch über die mitgebrachte drei Lieblingstexte: „Kommt ein Pferd in die Bar“ von David Grossman (Hanser), „Wolkenbruchs wundersame Reise in die Arme einer Schickse“ von Thomas Meyer (Diogenes) und „Dort dort“ von Tommy Orange (Hanser).

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Dear Reader #33
Kevin Vennemann über die Thermodynamik und das Lesen: „Die Grundform ist die Monotonie“

Dear Reader #33

Kevin Vennemann über die Thermodynamik und das Lesen: „Die Grundform ist die Monotonie“

 

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Mascha Jacobs hat dieses Mal mit dem Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Kevin Vennemann gesprochen. Ihr Gespräch dreht sich um die Buddenbrooks, Todesarten weiblicher Romanfiguren im 19. Jahrhunderts und wie man der Monotonie des Alltags entkommen kann.

Erinnert ihr euch noch an den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik? Einfach heruntergebrochen: Bei der Umwandlung von Energien entstehen immer Verluste, alles erschöpft sich. Diese Entdeckung ging nicht nur in unsere Schulbücher ein, sondern wurde in den Diskursen des 19. Jahrhunderts oft als Beschreibung für die ermüdete Gesellschaft benutzt.

Der Autor und Literaturwissenschaftler Kevin Vennemann ist in seinem aktuellen Buch diesem Energieverlust der bürgerlichen Gesellschaft gefolgt. Er liest in „Die Welt vom Rücken des Kranichs. Thermodynamik und der Verfall einer Familie“ (2020 bei Matthes & Seitz Berlin erschienen) die „Buddenbrooks“ als eine Erschöpfungschronik. Vennemanns Buch ist ein Close Reading des Debütromans von Thomas Mann und eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlich zu Tode gehetzten Frauenfiguren der Literatur des langen 19. Jahrhunderts.

Kevin Vennemann und die müde Gesellschaft

Mitgebracht hat Kevin Vennemann zum Gespräch drei seiner Lieblingstexte: „The House of Myrth“ von Edith Wharton, „Heilig Blut” von Gisela Elsner und die Erzählung „Winter in den Abruzzen“ von Natalia Ginzburg, die man in dem Band „Kleine Tugenden“ findet. Die Texte führen zu Gesprächen über Müdigkeit, politische Literatur, Sadismus und Antifaschismus und lassen sich auch auf die Gegenwart übertragen. Natalia Ginzburgs Erfahrungen aus dem Exil, in dem sie verbannt von den Faschisten in einem monotonen Alltag gefangen war, machen Mut für die Situation während der Coronapandemie:

Sie sagt, dass alle Träume, die wir hegen, der eigentliche Motor für alles Agieren sind. Die Grundform ist die Monotonie und alles andere besteht nur aus Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten. […] Das Beste was man machen kann, sagt sie im Nachhinein, ist diese Grundmonotonie zu füllen, mit Träumen, Sehnen, Hoffen. – Kevin Vennemann

Der 1977 in Dorsten geborene und heute in Los Angeles lebende Autor hat schon einige empfehlenswerte Romane und Essays geschrieben. „Nahe Jedenew“, „Mara Kogoj“ und „Sunset Boulevard. Vom Filmen, Bauen und Sterben in Los Angeles“. Bekannt wurde er hierzulande aber auch mit den Übersetzungen von Marc Greif, Franco Berardi und Chris Kraus. Er lehrt am Scripps College Claremont, Kalifornien. Im Gespräch mit Mascha Jacobs erzählt er unter anderem von seinem aktuellen Buch.

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