Max

Dear Reader #36
Mithu Sanyal – Wenn Gedanken Augen bekommen und zurückschauen

Dear Reader #36

Mithu Sanyal – Wenn Gedanken Augen bekommen und zurückschauen

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Mithu Sanyal ist zu Gast bei Dear Reader. Mit Mascha Jacobs spricht sie über ihr Romandebüt „Identitti“ und ihre Liebe zu Büchern. Einige von ihren Lieblingen stellt sie auch vor.

Mithu Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Sie wurde 1971 als Kind einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters geboren. Neben zahlreichen journalistischen Texten und Hörstücken hat sie bislang zwei Sachbücher veröffentlicht: „Vulva – die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ (Wagenbach) und in der Edition Nautilus: „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“.

Diskurse mit echten Menschen

Der Debütroman von Mithu Sanyal funktioniert wie ein gutes Gespräch. Gewissheiten lösen sich wie nebenbei auf, vorher Eindeutiges wird vielstimmig, Hochgefühle und Resignation wechseln sich ab und es macht Spaß, sogar absurden Argumentationsvolten des anderen zu folgen. „Identitti“, das den realen Skandal einer erfundenen Identität aus dem amerikanischen Diskurs nach Düsseldorf-Oberbilk und in den studentischen rassismuskritischen aktuellen Theoriediskurs verlegt, ist jedoch kein Diskursroman. Er ist weder didaktisch noch erfordert er ein breites Wissen über Postcolonial Studies. „Identitti“ wurde zurecht viel besprochen und steht seit Wochen in den Bestsellerlisten.

Popkultur, Begehren, Gerüche, Gottheiten und die Liebe zur Literatur sind Motive, die „Identitti“ zu einer sinnlichen Leseerfahrung machen. Bücher spielen in dem Roman und in Mithu Sanyals Leben eine zentrale Rolle:

Ich stelle ja in meinem Bücherregal immer Bücher nebeneinander, von denen ich das Gefühl habe, die Figuren mögen sich auch und haben viel miteinander zu tun und können sich dann besuchen. – Mithu Sanyal

Mascha Jacobs und Mithu Sanyal sprechen über Bibliotheken, Zwischentöne, Rassismus, Repräsentation, das Imaginäre, intellektuelle Liebesbeziehungen, Frauenfreundschaften, Mixed-Race-Figuren in der Literatur, unsichtbare und sichtbare Minoritäten und monomanisches Lesen. Mitgebracht hat Mithu Sanyal drei ihrer Lieblingsbücher: „Wuthering Hights“ von Emily Brontë, „Life Isn’t All Ha Ha Hee Hee“ von Meera Syal und „Gaudy Night“ von Dorothy Sayers.

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Dear Reader #35
Jovana Reisinger – An Oberflächen abarbeiten

Dear Reader #35

Jovana Reisinger – An Oberflächen abarbeiten

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Dieses Mal ist Jovana Reisinger zu Gast. Sie spricht mit Mascha Jacobs über ihre Lieblingsbücher, ihren neuen Roman "Spitzenreiterinnen" und das Schreiben.

Jovana Reisinger ist 1989 in München geboren, heute ist sie Autorin, Filmemacherin und vieles mehr. Nach einem Abschluss in Kommunikationsdesign hat sie Drehbuch und Dokumentarfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München studiert.

Immer feministisch

Schon während ihres Studiums hat sie eine Vielzahl an Filmen und Musikvideos gedreht und ihren Debütroman „Still halten“ im Verbrecher Verlag veröffentlicht. Zuletzt hat sie für ihre erste Einzelausstellung in der Kunsthalle Osnabrück die sechsteilige Talkshowreihe „Men in Trouble“ realisiert und ihren Roman „Spitzenreiterinnen“ ebenfalls im Verbrecher Verlag veröffentlicht – ein Episodenroman. Neun Frauen, die die Namen von Frauenzeitschriften tragen, sind die erschöpften und mutigen Protagonistinnen in diesem von Gewalt und Körperzwängen beherrschten Gesellschaftsroman. Die Gewalt geht oft von Männern aus, aber macht auch vor Frauenfreundschaften nicht Halt.

Ihre Arbeiten in den unterschiedlichen Künsten haben gemeinsam, dass sie Macht und Status, die patriarchale Leistungsgesellschaft, Geschlechterrollen und Schönheitsstandards kritisch und humorvoll zum Thema machen. Missglückte Kommunikationen und Künstlichkeit spielen auch oft eine Rolle.

Dieser Konkurrenzkampf ist für mich nach wie vor ein wichtiges Thema. Den finde ich in der Filmwelt und Literaturwelt interessant. Diese Solidarität, die man sich ja eigentlich wünscht, diese Schwesternschaft, die dann aber ganz oft nicht über Klassismus hinauskommt. Oder den weißen Feminismus nicht hinterfragen kann. –  Jovana Reisinger

Im Gespräch mit Mascha Jacobs geht es neben der Lesesozialisation von Jovana Reisinger um Solidarität, Schonungslosigkeit, das Aufwachsen auf dem Land, Formbewusstsein und Antiheimat. Die mitgebrachten Lieblingstexte sind „Der Geliebte“ (dtv) von Angelika Schrobsdorf, „Heilig Blut“ (Verbrecher Verlag) von Gisela Elsner und „Toni und Moni oder: Eine Anleitung zum Heimatroman“ (Kremayr-Scheriau) von Petra Piuk.

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Dear Reader #34
Dmitrij Kapitelman über Einwanderung und Bürokratie – Unter uns und außer uns gesprochen

Dear Reader #34

Dmitrij Kapitelman über Einwanderung und Bürokratie – Unter uns und außer uns gesprochen

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Über den Umgang mit dem Verlust der eigenen Muttersprache, die Konfrontation mit dem, was wir Familie nennen und finsterer Bürokratie geht es in Dmitrij Kapitelmans Buch „Eine Formalie in Kiew“. Und um einen R’n’B Star.

Dieses Mal trifft Mascha Jacobs auf Dmitrij Kapitelman. Der 1986 in der Ukraine geborene Journalist, Musiker und Schriftsteller ist in Kiew und Leipzig aufgewachsen und beschreibt sich selbst nicht ohne Ironie als „einen von den guten Einwanderern“. In seinem Debütroman „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“, der genauso wie sein aktuelles Buch stark autobiografisch gefärbt ist, hat er die Beziehung zu seinem Vater in den Vordergrund gestellt.

Dmitrij Kapitelman über die Familie

In seinem im Februar 2021 bei Hanser Berlin erschienenen Roman „Eine Formalie in Kiew“ ist es das problematische Verhältnis zu beiden Eltern, das die Handlung antreibt. Mit acht Jahren als sogenannter „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland eingewandert, entfremdet die Migrationserfahrung die Familie auch zwanzig Jahre später. Die Entscheidung des Ich-Erzählers, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, ist nicht losgelöst von der komplizierten Familien- und Migrationsgeschichte entstanden. Der „heimtückische“, bewusst sehr schwer gestaltete Einbürgerunsprozess führt den Protagonisten nach Kiew, die Familie wieder zusammen und den Autor Dmitrij Kapitelman zu widersprüchlichen Gefühlen.

Wenn ich zu lange nichts auf russisch lese, dann mache ich mir Sorgen um meine Sprache und somit auch um meine Familie, beziehungsweise die Möglichkeit, mit ihnen zu reden. Ich habe immer den Eindruck, ihr hinterherlaufen zu müssen, sie bleibt aber immer schneller als ich. – Dmitrij Kapitelman

Das Gespräch mit Mascha Jacobs dreht sich nicht nur um Biografisches und brutale Bürokratien. Es handelt auch davon, welche markanten Leerstellen der Roman lässt und wie Humor, Rap und Deutschlands letzter R’n’B-Engel mit Dmitrij Kapitelmans Kunst zusammenhängen. Es geht um magische Momente, den rauen Geschmack von Freiheit, Nazis und Zungenküsse. Und wie immer sprechen die beiden auch über die mitgebrachte drei Lieblingstexte: „Kommt ein Pferd in die Bar“ von David Grossman (Hanser), „Wolkenbruchs wundersame Reise in die Arme einer Schickse“ von Thomas Meyer (Diogenes) und „Dort dort“ von Tommy Orange (Hanser).

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Dear Reader #33
Kevin Vennemann über die Thermodynamik und das Lesen: „Die Grundform ist die Monotonie“

Dear Reader #33

Kevin Vennemann über die Thermodynamik und das Lesen: „Die Grundform ist die Monotonie“

 

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Mascha Jacobs hat dieses Mal mit dem Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Kevin Vennemann gesprochen. Ihr Gespräch dreht sich um die Buddenbrooks, Todesarten weiblicher Romanfiguren im 19. Jahrhunderts und wie man der Monotonie des Alltags entkommen kann.

Erinnert ihr euch noch an den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik? Einfach heruntergebrochen: Bei der Umwandlung von Energien entstehen immer Verluste, alles erschöpft sich. Diese Entdeckung ging nicht nur in unsere Schulbücher ein, sondern wurde in den Diskursen des 19. Jahrhunderts oft als Beschreibung für die ermüdete Gesellschaft benutzt.

Der Autor und Literaturwissenschaftler Kevin Vennemann ist in seinem aktuellen Buch diesem Energieverlust der bürgerlichen Gesellschaft gefolgt. Er liest in „Die Welt vom Rücken des Kranichs. Thermodynamik und der Verfall einer Familie“ (2020 bei Matthes & Seitz Berlin erschienen) die „Buddenbrooks“ als eine Erschöpfungschronik. Vennemanns Buch ist ein Close Reading des Debütromans von Thomas Mann und eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlich zu Tode gehetzten Frauenfiguren der Literatur des langen 19. Jahrhunderts.

Kevin Vennemann und die müde Gesellschaft

Mitgebracht hat Kevin Vennemann zum Gespräch drei seiner Lieblingstexte: „The House of Myrth“ von Edith Wharton, „Heilig Blut” von Gisela Elsner und die Erzählung „Winter in den Abruzzen“ von Natalia Ginzburg, die man in dem Band „Kleine Tugenden“ findet. Die Texte führen zu Gesprächen über Müdigkeit, politische Literatur, Sadismus und Antifaschismus und lassen sich auch auf die Gegenwart übertragen. Natalia Ginzburgs Erfahrungen aus dem Exil, in dem sie verbannt von den Faschisten in einem monotonen Alltag gefangen war, machen Mut für die Situation während der Coronapandemie:

Sie sagt, dass alle Träume, die wir hegen, der eigentliche Motor für alles Agieren sind. Die Grundform ist die Monotonie und alles andere besteht nur aus Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten. […] Das Beste was man machen kann, sagt sie im Nachhinein, ist diese Grundmonotonie zu füllen, mit Träumen, Sehnen, Hoffen. – Kevin Vennemann

Der 1977 in Dorsten geborene und heute in Los Angeles lebende Autor hat schon einige empfehlenswerte Romane und Essays geschrieben. „Nahe Jedenew“, „Mara Kogoj“ und „Sunset Boulevard. Vom Filmen, Bauen und Sterben in Los Angeles“. Bekannt wurde er hierzulande aber auch mit den Übersetzungen von Marc Greif, Franco Berardi und Chris Kraus. Er lehrt am Scripps College Claremont, Kalifornien. Im Gespräch mit Mascha Jacobs erzählt er unter anderem von seinem aktuellen Buch.

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Dear Reader #32
Anna Prizkau über Lesesüchte und Kurzgeschichten

Dear Reader #32

Anna Prizkau über Lesesüchte und Kurzgeschichten

 

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Mascha Jacobs hat Anna Prizkau zum digitalen Gespräch eingeladen. Sie sprechen über Lesesüchte, Kurzgeschichten, ihre russische Leseschule und produktive Missverständnisse. Und natürlich hat Anna Prizkau auch ihre Lieblingstexte mitgebracht.

Anna Prizkau hat im Sommer 2020 ihr Debüt veröffentlicht. „Fast ein neues Leben“ ist in der Friedenauer Presse unter dem Dach von Matthes und Seitz erschienen. Es sind zwölf Kurzgeschichten, die für sich stehen, aber von einer namenlosen Ich-Erzählerin zusammengehalten werden. Und am Ende wird aus all den Kurzgeschichten die Lebensgeschichte eines Mädchens, das nach Deutschland kommt. Dieses Mädchen versucht, ihre alte Sprache und ihre Eltern zu verstecken.

Mehr als die eigene Geschichte

Dass die 1986 in Moskau geborene Autorin die Gefühle dieser Erfahrungen zwischen Angleichungsdruck, Überangepasstheit und Angst vor rassistischen Angriffen kennt, liegt nahe. Doch die Kurzgeschichten – knapp geschrieben, in lakonischen Sätzen – sind mehr als die literarisierten Erlebnisse der Autorin. Anna Prizkau sind universelle Geschichten über Scham, Verrat, Macht, Geheimnisse, Familie und Verlorenheit gelungen.

Kurzgeschichten werden hierzulande eher selten veröffentlicht, Anna Prizkau aber liebt sie. Nicht zuletzt, weil sie schnell, kurz und actionreich sind und Lesesüchtigen einen normalen Alltag ermöglichen.

Bei Romanen ist es so, dass es, wenn ich anfange zu lesen und mich festlese, sein kann, dass ich einen Tag das Haus nicht verlasse. Das ist wie bei Serien, ich bin ein Suchtmensch, wenn ich sie schaue, kann ich nicht eine Folge sehen, sondern muss die ganze Staffel schauen. – Anna Prizkau

Anna Prizkau: Mit zwei Sprachen leben

Eins der mitgebrachten Lieblingsbücher von Prizkau ist – wie passend – ein Kurzgeschichtenband: „Der Kabbalist vom East Broadway“ von Isaac Bashevis Singer (Hanser). Mascha Jacobs und Anna Prizkau sprechen auch über „Der Palast der Miserablen“ von Abbas Khider (Hanser) und Antonia Baums Memoir „Tony Soprano stirbt nicht“ (Hoffmann und Campe). Das Gespräch der beiden Frauen dreht sich aber auch um das Leben mit zwei Sprachen, ihre russische Leseschule und um das, was Literatur vermag.

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Dear Reader #31
Anne Waak über alternative Familienformen und ihre Lieblingsbücher

Dear Reader #31

Anne Waak über alternative Familienformen und ihre Lieblingsbücher

 

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Dieses Mal ist die Sachbuchautorin und Journalistin Anne Waak bei Mascha Jacobs zu Gast. Für ihr neues Buch hat die Sachbuchautorin und Journalistin Familien begleitet und porträtiert, die ihre Kinder abseits der heteronormativen Kleinfamilie großziehen. Ein Gespräch über alternatives Zusammenleben.

Anne Waak arbeitet als freie Journalistin, unter anderem für Monopol, Zeit Online und die Süddeutsche Zeitung. Sie ist gemeinsam mit Ingo Niermann und Joachim Bessing Herausgeberin des „Online-Archivs für literarischen Journalismus“. Sachbücher hat sie bislang schon zu sehr unterschiedlichen Themen verfasst: „Hartz IV und wir. Protokolle“ (als Ebook über waahr.de), „Der freie Tod. Eine kleine Geschichte des Suizids“ (Blumenbar) und „Kriegskinder“ (Hatje Cantz).

Anne Waak: Wir nennen es Familie

Anne Waak hat ein neues Sachbuch geschrieben, das gerade bei der Edition Körber erschienen ist. „Wir nennen es Familie. Neue Ideen für ein Leben mit Kindern“ heißt es. Für dieses Buch hat Waak Familien begleitet und porträtiert, die ihre Kinder abseits der heteronormativen Kleinfamilie großziehen. Denn die Indizien häufen sich, dass ein immer größer werdender Teil der Menschen unter den Belastungen dieser scheinbar unverrückbaren Norm leidet, ihr nicht entsprechen kann oder will.

Viele Modelle, wie man anders mit Kindern zusammenleben kann, sind allerdings an ökonomische Ressourcen gebunden. Heute sind Familien oft zu Kompromissen gezwungen. In der späten DDR war das anders. Anne Waak, die die ersten sieben Jahre ihres Lebens in der DDR aufgewachsen ist, hat von ihrer Mutter ein schönes Lebensmotto mit auf den Weg bekommen: Solange Wein im Kühlschrank steht, ist alles gut.

Meine Mutter hat gesagt: Wir hatten doch alles, Anne, wir hatten immer Wein, uns ging es immer gut. Geld hat zumindest bis zur Wende keine Rolle gespielt. – Anne Waak

Wie das scheinbar naturgegebene und an Blutsbande geknüpfte Modell historisch gewachsen ist, welche außereuropäischen und ganz anders organisierten Formen des Zusammenlebens mit Kindern möglich sind, und wie die kinderlose Autorin selbst eine andere Form der Beziehung zu Kindern lebt, darüber haben sich Anne Waak und Mascha Jacobs unterhalten.

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Dear Reader #30
Antonia Baum: „Ich war ja total männlich identifiziert“

Dear Reader #30

Antonia Baum: „Ich war ja total männlich identifiziert“

 

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Mascha Jacobs hat dieses Mal Antonia Baum eingeladen. Sie sprechen über Rap, Misogynie und darüber, wie man auf frühere Vorlieben zurückblickt. Und natürlich hat Antonia Baum auch ihre Lieblingswerke mitgebracht.

Antonia Baum, 1984 geboren, hat Literaturwissenschaft, Geschichte und Kulturwissenschaft studiert. Heute ist sie Autorin und Kolumnistin für DIE ZEIT. Neben Kurzgeschichten hat sie drei Romane und ein Memoir veröffentlicht: „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“ und „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“, „Tony Soprano stirbt nicht“ und „Stillleben“. Aktuell hat sie in der KiWi Musikbibliothek einen Essay über Eminem veröffentlicht.

Antonia Baum: Rap als Teil der Lesebiografie

Eminem spielte in Antonia Baums Sozialisation eine wichtige und nicht unproblematische Rolle. Er schockte vor rund zwanzig Jahren mit homophoben und frauenfeindlichen Texten und war als Weißer einer der erfolgreichsten Künstler in einem von Schwarzen erfundenen Genre. Das Thema „Eminem“ hat Baum deswegen damals und heute eine gewisse Akrobatik abverlangt. Vieles, was sie heute sehr problematisch findet, hat sie, als Teenager und mit Misogynie groß geworden, ignoriert. Eminems Texte und das Spiel mit der eigenen Biografie, seine Rollenprosa und seine Schreibhaltung waren ein wichtiger Impuls für die Schreibhaltung von Antonia Baum:

Rap war eine Spielart in meinem Repertoire, die mich ermutigt hat. Ja, ok, alles klar, lass uns anfangen, ich kann auch krass sein – und zwar auf dem Papier. – Antonia Baum

Rap ist Teil ihrer Lesebiografie. Mitgebracht hat Antonia Baum aber auch drei klassisch literarische Lieblingstexte: Erzählungen von Kafka und Lucua Berlin sowie Irmgard Keuns Klassiker „Das kunstseidene Mädchen“. Auch darüber spricht Mascha Jacobs mit ihr.

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Dear Reader #29
Françoise Cactus über die Macht der Phantasie: „Hast du das nicht als Buch veröffentlicht?“

Dear Reader #29

Françoise Cactus über die Macht der Phantasie

 

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Dieses Mal trifft Mascha Jacobs eine ihrer Lieblingskünstlerinnen, Françoise Cactus. Ihre unverwechselbare Stimme kennen sicher einige, weil sie ein Teil des Duos „Stereo Total“ ist. Sie schreibt aber auch – ein Gespräch über das Schreiben, Lesen und die Fantasie.

Hat man jemals ein Lied von der Band „Stereo Total“ gehört, wird man den französischen Akzent der Sängerin und Songwriterin Françoise Cactus nicht mehr vergessen. Liest man ihre literarischen Texte, ist der Sound ebenfalls nicht wegzudenken. Viele wissen allerdings überhaupt nicht, dass Françoise Cactus auch tolle Bücher schreibt, in denen oft weibliche Teenies die Hauptrollen übernehmen. Das von ihre erfundene Genre der „Lolita-Literatur“ hat Mascha Jacobs vor vielen Jahren zum Anlass genommen, eine Magisterarbeit zu schreiben, in der die Chanteuse, Autorin und Malerin Cactuse ebenfalls eine große Rolle spielt. Deswegen wusste sie auch, dass die Lektüren anderer Bücher für Françoise Cactus’ Arbeit sehr wichtig sind.

Was ich total hasse, sind so Leute, die Stileffekte einsetzen und dann so schrottige und seelenlose Figuren haben. Stileffekte finde ich echt furchtbar, und Autoren, die zeigen wollen: ‚Ich bin belesen, habe viel Wortschatz drauf und das Wort kanntet ihr auch noch nicht‘. – Françoise Cactus

Françoise Cactus als Multitalent

Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Geschichte in Frankreich ist Cactus 1985 nach Deutschland gezogen, hier wurde sie die „Erzherzogin des Berliner Undergrounds“. Sie gründet zunächst die Band „Lolitas“ und danach mit ihrem Lover Brezel Göring „Stereo Total“. In den 90er Jahren beginnt sie auch Bücher und Hörspiele zu schreiben, die lustig und wild sind. 1996 erscheint dann die Autobigophonie im Martin Schmitz Verlag, und dann in der Jugendbuchreihe rororo Rotfuch „Abenteuer einer Provinzblume“ und „Zitterparties“. Es folgt der Kurzgeschichtenband „Neurosen zum Valentinstag“, auch bei Rowohlt erschienen. Seit Jahren arbeitet sie an einem neuen Roman und entwickelt im Gespräch die Idee für ein Handbuch für Mädchen, die eine Band gründen wollen.

Ihre mitgebrachten Lieblingstexte sind „Emma Bovary: Sitten der Provinz“ von Gustave Flaubert, „La Chatte von Colette“ (auf Deutsch unter dem Titel „Eifersucht“ bei Zsolnay erschienen) und „Mord im Spiegel (The Mirror Crack’d from Side to Side bei Harper Collins wiederaufgelegt). Sie spricht aber auch über ihre Lieblingskinderbücher und empfiehlt die Arbeiten von Dorothy Iannone und Alphonse Allais.

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Dear Reader #28
Isabelle Graw: „Ich bin lesefanatisch“

Dear Reader #28

Isabelle Graw: „Ich bin lesefanatisch“

 

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Dieses Mal ist die Kunsttheoretikerin Isabelle Graw bei Mascha Jacobs zu Gast. Sie sprechen über das morgendliche Schreiben, Routinen, Brüche, Trauer, Widersprüche und die Lieblingsbücher der Autorin.

Isabelle Graw ist vor allem für ihre kunsttheoretischen Texte bekannt. Sie ist seit 30 Jahren Herausgeberin der Zeitschrift „Texte zur Kunst“ und Professorin für Kunstgeschichte und Kunsttheorie an der Städelschule in Frankfurt am Main. Jetzt hat sie, mit einem kleinen, empfehlenswerten Buch, die Form ihres Schreibens erweitert. Es heißt „In einer anderen Welt. Notizen 2014–2017“ und ist dieses Jahr bei der Dr. Cantz’schen Verlagsgesellschaft erschienen. Und es wurde sogar ins Englische übersetzt. Der Zeitraum der Notizen ist in eine politische Zeitenwende gefallen. Trump wird Präsident, die Briten stimmen für den Brexit. Im gleichen Zeitraum verliert Graw außerdem beide Elternteile.

Isabelle Graw schreibt auch vom Leben

All das spielt eine Rolle: Der Verlust der Eltern, das Altern, Gedanken über das Genießen im Waxing-Studio oder beim Sortieren der Steuerbelege – Kunst, Lektüren und Beobachtungen im öffentlichen Raum stehen nebeneinander. Sie werden durch den Blick der Autorin zusammengehalten. Sie sagt selbst ganz zu Beginn des Buches, dass sie daran interessiert sei „wie im Persönlichen Allgemeines aufblitzt und wie umgekehrt Allgemeines durch das Persönliche gefiltert wird.“

Isabelle Graw schreibt aber nicht nur, sie liest auch. Viel. Zu ihren Lese- und Schreibgewohnheiten befragt, macht sie klar, dass sie gewissen Routinen und Rituale pflegt:

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, dass sich in meinem Schlafbereich ausschließlich Belletristik findet. Die kunstheoretischen Bücher finden sich in meinem Arbeitszimmer. Tagsüber lese ich eher die theoretischen Sachen und abends und nachts Literatur. – Isabelle Graw

Ihre mitgebrachten Lieblingstexte sind „Das Leben der Marianne“ von Pierre Carlet de Marivaux (Carl Hanser Verlag). Linda Nochlins Text „Morisot’s Wet Nurse: The Construction of Work and Leisure in Impressionist Painting“ (Harper & Row) und „Simone de Beauvoir“ von Kate Kirkpatrick (Piper). Auch darüber spricht Mascha Jacobs mit Isabelle Graw.

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Dear Reader #27
Wie wir über Zukunft sprechen – Dirk Peitz über frühere Lieblingsbücher und ihre Beständigkeit

Dear Reader #27

Wie wir über Zukunft sprechen – Dirk Peitz über frühere Lieblingsbücher und ihre Beständigkeit

 

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Dirk Peitz hat sein erstes Buch geschrieben – über die Zukunft und wie sie aussehen könnte. Mascha Jacobs trifft sich mit ihm, um natürlich über sein Debüt zu sprechen, aber auch über das Lesen, das Schreiben, die Arbeit.

Der Kulturjournalist Dirk Peitz hat erstaunlicherweise erst jetzt sein erstes Buch geschrieben. „Fernblick: Wie wir uns die Zukunft erzählen“ und das hat viel von dem, was man auch schon aus der Zeitung kennt. Dort nämlich ist Peitz schon lange unterwegs. Aktuell ist er stellvertretender und kommissarischer Leiter des Kultur-Ressorts bei Zeit Online, er bewegt sich vor allem im Feuilleton. Er schreibt über unsere Gesellschaft, ihre Entwicklungen und Windungen. Und er schreibt viel über neue Technologien – beides spielt in seinem Werk eine wichtige Rolle.

Mit allen reden

Peitz hat dafür mit ganz unterschiedlichen Experten und Expertinnen gesprochen, mit den Professoren, mit den Machern, den Arbeitern, den Kreativen. Er spricht mit ihnen aber nicht über eine bestimmte Zukunftsvision – dafür ist das Weltgeschehen zu kompliziert. Er erzählt viel mehr von der Art, wie wir Zukunft sehen. Erschienen ist sein Buch bei Suhrkamp, dort gibt’s das natürlich auch als E-Book.

Ich kann das nicht auflösen, wie ich ganz viel nicht auflösen kann. Und natürlich lässt sich eine Verfallsgeschichte leichter erzählen. – Dirk Peitz

Und wer ein so spannendes Buch schreibt, darf natürlich auch im „Dear Reader“-Podcast nicht fehlen. Im Gespräch mit Mascha Jacobs erzählt Dirk Peitz nicht nur von seinen Reisen, sondern auch von seinen Lieblingsbüchern. Die sind heute schon ein bisschen aus der Zeit gefallen, haben sein eigenes Schreiben aber maßgeblich beeinflusst. Welche Lektüren das wohl sind? Mascha und er sprechen natürlich darüber. Und sie sprechen auch über seine persönliche Entwicklung – vom Leser hin zum Autor – und über den Halt, den Bücher geben können.

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