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Dear Reader #39
Dorothee Elmiger: „Ich bin eine Leserin“

Dear Reader #39

Dorothee Elmiger: „Ich bin eine Leserin“

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In dieser Folge hat Mascha Jacobs die 1985 in der Schweiz geborene Schriftstellerin Dorothee Elmiger eingeladen, um mit ihr über ihre Lieblingstexte und über ihre neues Buch zu sprechen.

Dorothee Elmiger hat Literatur am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert, sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Hinzu kommt ein Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Luzern und Berlin. Zurzeit lebt und arbeitet sie in Zürich und produziert Essays, Texte, Romane und Montagen zur Kunst. Nach Elmigers Büchern „Einladung an die Waghalsigen“ (2010) und „Schlafgänger“ (2014) hat sie 2020 ihren dritten Roman veröffentlicht: „Aus der Zuckerfabrik“.

 

Dorothee Elmiger: Bücher als Ausgangspunkt

Dafür hat sie einiges an Aufmerksamkeit geerntet. Unter anderem stand sie auf der Shortlist für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis 2020. Ihr Buch ergründet die Zusammenhänge zwischen dem Begehren und europäischem Kolonialismus. Der Zucker als Genussmittel, das Begehren als weit in der Geschichte zurückverfolgbarer Antrieb. Elmiger kreiert eine Montage aus Recherchen, Lektüren, Gesten und Gesprächen. Dabei ist sie verspielt sowie maßlos, widerspenstig und experimentell. Ein Buch, bei dem alles zusammenhängt, sich aber nirgendwo ein klarer Plot abzeichnet.

Ich bin keine Autorin, die sich alles ausdenkt. Ich bin eine Leserin. Ich hoffe immer, dass es nicht nur dabei bleibt, aber für mich sind die Bücher und Lektüren ein ganz wichtiger Anfangspunkt. – Dorothee Elmiger

Mascha Jacobs spricht in dieser Folge von „Dear Reader“ mit Dorothee Elmiger über ihr aktuelles Buch „Aus der Zuckerfabrik“, aber auch über Selbstlegitimierung, Wiederholungen, das Spielerische, Zufälle, Comics, Geschwindigkeiten, Regeln, Sprache und was man mit Literatur bewirken kann.

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Dear Reader #38 </br> Timon Karl Kaleyta: „Ich wollte immer jemand sein, der viel liest.“

Dear Reader #38
Timon Karl Kaleyta: „Ich wollte immer jemand sein, der viel liest.“

Dear Reader #38

Timon Karl Kaleyta: „Ich wollte immer jemand sein, der viel liest.“

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Dieses Mal spricht Mascha Jacobs mit Timon Karl Kaleyta. Es geht um seine Lieblingsbücher, Ernsthaftigkeit und Humor.

Timon Karl Kaleyta ist ein Ex-Popsternchen aus dem Ruhrgebiet. Mit seiner Band „Susanne Blech“ hat er mehrere Alben veröffentlicht. Er studierte in Bochum, Madrid und Düsseldorf und ist Gründer des Instituts für Zeitgenossenschaft IFZ. Nach dem finanziellen Ruin mit der Musik schrieb er darüber einen Text („Wie ich mal fast Popmusiker geworden wäre und darüber vorübergehend verarmte“), der den Lektor des Piper Verlags veranlasste, ihm einen Buchvertrag zu unterbreiten. Seither lebt er als Kolumnist, Drehbuchautor und Ehemann einer erfolgreichen Kunsthändlerin in Berlin. Der besagte Roman ist gerade unter dem Titel „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ erschienen.

Timon Karl Kaleyta und sein Schelmenroman

Es bestehen Ähnlichkeiten zu der Biografie seines Verfassers. Allerdings ist der Ich-Erzähler jemand, der sich ständig irrt, sich selbst überschätzt, ausschließlich aussichtslose Kämpfe kämpft, immer zu spät oder auf dem Holzweg ist und sich selbst belügt. Ein großes Lesevergnügen, das dem derzeit beliebten Genre der Autofiktion noch mal einen neuen Dreh gibt. Timon Karl Kaleyta orientiert sich an der Gattung des Schelmenromans und interessiert sich für Humor und Ernsthaftigkeit. Wie in einem seiner mitgebrachten Lieblingsbücher „Rot und Schwarz“ von Stendhal kämpft auch sein Ich-Erzähler gegen die Übermächte der Welt.

Das ist für mich das Thema bei allen Büchern, die ich mitgebracht habe. Dass man den Mächten der Welt nicht entrinnen kann […]. Diesen Fatalismus schätze ich sehr. Das ist das Gegenteil von „Yes we can“. – Timon Karl Kaleyta

Es geht in dem Gespräch zwischen Mascha Jacobs und Timon Karl Kaleyta auch um „1979“ von Christian Kracht und „Den Untergeher“ von Thomas Bernhard. Sie sprechen darüber, was man der Literatur überhaupt noch hinzufügen kann, über Stilparodien, Überaffirmationen und doppelte Böden.

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Dear Reader #37
Mohamed Amjahid: „Ich will keine Opferpornos schreiben“

Dear Reader #37

Mohamed Amjahid: „Ich will keine Opferpornos schreiben“

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Mascha Jacobs spricht dieses Mal in unserem Literaturpodcast mit Mohamed Amjahid. Es geht um sein neues Buch „Der weiße Fleck“, Antirassismus und um die Autorinnen und Autoren, die ihn geprägt haben.

Mohamed Amjahid studierte Politikwissenschaft in Berlin und Kairo und forschte an verschiedenen anthropologischen Projekten in Nordafrika. Während seines Studiums arbeitete er als Journalist für die taz, die Frankfurter Rundschau und den Deutschlandfunk. Er schreibt als politischer Reporter für die Wochenzeitung Die Zeit und das Zeit Magazin über Menschenrechten, Gleichberechtigung und Umbrüchen in den USA, Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika. 

Eine Art Übersetzer

1988 in Frankfurt am Main geboren, aber mit sieben Jahren nach Marokko, in die Heimat seiner Eltern migriert, dann nach dem Abitur zum Studium nach Deutschland zurückgekehrt. Die Leseerfahrungen des Autors und Reporters sind mehrsprachig und vielschichtig. Durch die Lebensgeschichte von Mohamed Amjahid hat sich in seinen Werken auch ein anderer Kanon und Blick ergeben.

Der politische Journalist und Buchautor hat 2017 sein Sachbuchdebüt „Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein“ und 2021 eine Art Fortsetzung „Der weiße Fleck. Eine Anleitung zu antirassistischem Denken“ bei Piper veröffentlicht. Er versteht sich als eine Art Übersetzer, der komplexe theoretische Texte, für diejenigen, die nicht die Zeit und Ressourcen haben, aufbereitet. In seinem aktuellen Buch hat er 50 Tipps für antirassistisches Denken und Handeln zusammengefasst.

Ich versuche, aus meiner Lebensrealität heraus, gepaart mit Lektüren und den Analysen, einen Text zu kreieren, der hoffentlich viele Menschen anspricht und niedrigschwellig erklären kann, warum es wichtig ist, über Antirassismus zu sprechen. – Mohamed Amjahid

Mascha Jacobs spricht mit Mohamed Amjahid über Bibliotheken und Strandbüchereien, die Verbindung von Unterhaltung und politischer Bildung, Humor, emanzipatorische Diskurse, Retraumatisierungen und Amjahids Lieblingslektüren: Driss Chraïbis Romane „Le passé simple“ und „La civilisation, ma mère!“,  außerdem Fatima Mernissis Texte wie „Le Maroc raconté par ses femmes“ oder „Shahrazad n’est pas marocaine“ und „How to Write about Trauma“: Roxane Gay im Interview mit Monica Lewinsky.

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Dear Reader #36
Mithu Sanyal – Wenn Gedanken Augen bekommen und zurückschauen

Dear Reader #36

Mithu Sanyal – Wenn Gedanken Augen bekommen und zurückschauen

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Mithu Sanyal ist zu Gast bei Dear Reader. Mit Mascha Jacobs spricht sie über ihr Romandebüt „Identitti“ und ihre Liebe zu Büchern. Einige von ihren Lieblingen stellt sie auch vor.

Mithu Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Sie wurde 1971 als Kind einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters geboren. Neben zahlreichen journalistischen Texten und Hörstücken hat sie bislang zwei Sachbücher veröffentlicht: „Vulva – die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ (Wagenbach) und in der Edition Nautilus: „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“.

Diskurse mit echten Menschen

Der Debütroman von Mithu Sanyal funktioniert wie ein gutes Gespräch. Gewissheiten lösen sich wie nebenbei auf, vorher Eindeutiges wird vielstimmig, Hochgefühle und Resignation wechseln sich ab und es macht Spaß, sogar absurden Argumentationsvolten des anderen zu folgen. „Identitti“, das den realen Skandal einer erfundenen Identität aus dem amerikanischen Diskurs nach Düsseldorf-Oberbilk und in den studentischen rassismuskritischen aktuellen Theoriediskurs verlegt, ist jedoch kein Diskursroman. Er ist weder didaktisch noch erfordert er ein breites Wissen über Postcolonial Studies. „Identitti“ wurde zurecht viel besprochen und steht seit Wochen in den Bestsellerlisten.

Popkultur, Begehren, Gerüche, Gottheiten und die Liebe zur Literatur sind Motive, die „Identitti“ zu einer sinnlichen Leseerfahrung machen. Bücher spielen in dem Roman und in Mithu Sanyals Leben eine zentrale Rolle:

Ich stelle ja in meinem Bücherregal immer Bücher nebeneinander, von denen ich das Gefühl habe, die Figuren mögen sich auch und haben viel miteinander zu tun und können sich dann besuchen. – Mithu Sanyal

Mascha Jacobs und Mithu Sanyal sprechen über Bibliotheken, Zwischentöne, Rassismus, Repräsentation, das Imaginäre, intellektuelle Liebesbeziehungen, Frauenfreundschaften, Mixed-Race-Figuren in der Literatur, unsichtbare und sichtbare Minoritäten und monomanisches Lesen. Mitgebracht hat Mithu Sanyal drei ihrer Lieblingsbücher: „Wuthering Hights“ von Emily Brontë, „Life Isn’t All Ha Ha Hee Hee“ von Meera Syal und „Gaudy Night“ von Dorothy Sayers.

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Dear Reader #35
Jovana Reisinger – An Oberflächen abarbeiten

Dear Reader #35

Jovana Reisinger – An Oberflächen abarbeiten

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Dieses Mal ist Jovana Reisinger zu Gast. Sie spricht mit Mascha Jacobs über ihre Lieblingsbücher, ihren neuen Roman "Spitzenreiterinnen" und das Schreiben.

Jovana Reisinger ist 1989 in München geboren, heute ist sie Autorin, Filmemacherin und vieles mehr. Nach einem Abschluss in Kommunikationsdesign hat sie Drehbuch und Dokumentarfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München studiert.

Immer feministisch

Schon während ihres Studiums hat sie eine Vielzahl an Filmen und Musikvideos gedreht und ihren Debütroman „Still halten“ im Verbrecher Verlag veröffentlicht. Zuletzt hat sie für ihre erste Einzelausstellung in der Kunsthalle Osnabrück die sechsteilige Talkshowreihe „Men in Trouble“ realisiert und ihren Roman „Spitzenreiterinnen“ ebenfalls im Verbrecher Verlag veröffentlicht – ein Episodenroman. Neun Frauen, die die Namen von Frauenzeitschriften tragen, sind die erschöpften und mutigen Protagonistinnen in diesem von Gewalt und Körperzwängen beherrschten Gesellschaftsroman. Die Gewalt geht oft von Männern aus, aber macht auch vor Frauenfreundschaften nicht Halt.

Ihre Arbeiten in den unterschiedlichen Künsten haben gemeinsam, dass sie Macht und Status, die patriarchale Leistungsgesellschaft, Geschlechterrollen und Schönheitsstandards kritisch und humorvoll zum Thema machen. Missglückte Kommunikationen und Künstlichkeit spielen auch oft eine Rolle.

Dieser Konkurrenzkampf ist für mich nach wie vor ein wichtiges Thema. Den finde ich in der Filmwelt und Literaturwelt interessant. Diese Solidarität, die man sich ja eigentlich wünscht, diese Schwesternschaft, die dann aber ganz oft nicht über Klassismus hinauskommt. Oder den weißen Feminismus nicht hinterfragen kann. –  Jovana Reisinger

Im Gespräch mit Mascha Jacobs geht es neben der Lesesozialisation von Jovana Reisinger um Solidarität, Schonungslosigkeit, das Aufwachsen auf dem Land, Formbewusstsein und Antiheimat. Die mitgebrachten Lieblingstexte sind „Der Geliebte“ (dtv) von Angelika Schrobsdorf, „Heilig Blut“ (Verbrecher Verlag) von Gisela Elsner und „Toni und Moni oder: Eine Anleitung zum Heimatroman“ (Kremayr-Scheriau) von Petra Piuk.

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Dear Reader #34
Dmitrij Kapitelman über Einwanderung und Bürokratie – Unter uns und außer uns gesprochen

Dear Reader #34

Dmitrij Kapitelman über Einwanderung und Bürokratie – Unter uns und außer uns gesprochen

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Über den Umgang mit dem Verlust der eigenen Muttersprache, die Konfrontation mit dem, was wir Familie nennen und finsterer Bürokratie geht es in Dmitrij Kapitelmans Buch „Eine Formalie in Kiew“. Und um einen R’n’B Star.

Dieses Mal trifft Mascha Jacobs auf Dmitrij Kapitelman. Der 1986 in der Ukraine geborene Journalist, Musiker und Schriftsteller ist in Kiew und Leipzig aufgewachsen und beschreibt sich selbst nicht ohne Ironie als „einen von den guten Einwanderern“. In seinem Debütroman „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“, der genauso wie sein aktuelles Buch stark autobiografisch gefärbt ist, hat er die Beziehung zu seinem Vater in den Vordergrund gestellt.

Dmitrij Kapitelman über die Familie

In seinem im Februar 2021 bei Hanser Berlin erschienenen Roman „Eine Formalie in Kiew“ ist es das problematische Verhältnis zu beiden Eltern, das die Handlung antreibt. Mit acht Jahren als sogenannter „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland eingewandert, entfremdet die Migrationserfahrung die Familie auch zwanzig Jahre später. Die Entscheidung des Ich-Erzählers, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, ist nicht losgelöst von der komplizierten Familien- und Migrationsgeschichte entstanden. Der „heimtückische“, bewusst sehr schwer gestaltete Einbürgerunsprozess führt den Protagonisten nach Kiew, die Familie wieder zusammen und den Autor Dmitrij Kapitelman zu widersprüchlichen Gefühlen.

Wenn ich zu lange nichts auf russisch lese, dann mache ich mir Sorgen um meine Sprache und somit auch um meine Familie, beziehungsweise die Möglichkeit, mit ihnen zu reden. Ich habe immer den Eindruck, ihr hinterherlaufen zu müssen, sie bleibt aber immer schneller als ich. – Dmitrij Kapitelman

Das Gespräch mit Mascha Jacobs dreht sich nicht nur um Biografisches und brutale Bürokratien. Es handelt auch davon, welche markanten Leerstellen der Roman lässt und wie Humor, Rap und Deutschlands letzter R’n’B-Engel mit Dmitrij Kapitelmans Kunst zusammenhängen. Es geht um magische Momente, den rauen Geschmack von Freiheit, Nazis und Zungenküsse. Und wie immer sprechen die beiden auch über die mitgebrachte drei Lieblingstexte: „Kommt ein Pferd in die Bar“ von David Grossman (Hanser), „Wolkenbruchs wundersame Reise in die Arme einer Schickse“ von Thomas Meyer (Diogenes) und „Dort dort“ von Tommy Orange (Hanser).

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Dear Reader #33
Kevin Vennemann über die Thermodynamik und das Lesen: „Die Grundform ist die Monotonie“

Dear Reader #33

Kevin Vennemann über die Thermodynamik und das Lesen: „Die Grundform ist die Monotonie“

 

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Mascha Jacobs hat dieses Mal mit dem Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Kevin Vennemann gesprochen. Ihr Gespräch dreht sich um die Buddenbrooks, Todesarten weiblicher Romanfiguren im 19. Jahrhunderts und wie man der Monotonie des Alltags entkommen kann.

Erinnert ihr euch noch an den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik? Einfach heruntergebrochen: Bei der Umwandlung von Energien entstehen immer Verluste, alles erschöpft sich. Diese Entdeckung ging nicht nur in unsere Schulbücher ein, sondern wurde in den Diskursen des 19. Jahrhunderts oft als Beschreibung für die ermüdete Gesellschaft benutzt.

Der Autor und Literaturwissenschaftler Kevin Vennemann ist in seinem aktuellen Buch diesem Energieverlust der bürgerlichen Gesellschaft gefolgt. Er liest in „Die Welt vom Rücken des Kranichs. Thermodynamik und der Verfall einer Familie“ (2020 bei Matthes & Seitz Berlin erschienen) die „Buddenbrooks“ als eine Erschöpfungschronik. Vennemanns Buch ist ein Close Reading des Debütromans von Thomas Mann und eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlich zu Tode gehetzten Frauenfiguren der Literatur des langen 19. Jahrhunderts.

Kevin Vennemann und die müde Gesellschaft

Mitgebracht hat Kevin Vennemann zum Gespräch drei seiner Lieblingstexte: „The House of Myrth“ von Edith Wharton, „Heilig Blut” von Gisela Elsner und die Erzählung „Winter in den Abruzzen“ von Natalia Ginzburg, die man in dem Band „Kleine Tugenden“ findet. Die Texte führen zu Gesprächen über Müdigkeit, politische Literatur, Sadismus und Antifaschismus und lassen sich auch auf die Gegenwart übertragen. Natalia Ginzburgs Erfahrungen aus dem Exil, in dem sie verbannt von den Faschisten in einem monotonen Alltag gefangen war, machen Mut für die Situation während der Coronapandemie:

Sie sagt, dass alle Träume, die wir hegen, der eigentliche Motor für alles Agieren sind. Die Grundform ist die Monotonie und alles andere besteht nur aus Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten. […] Das Beste was man machen kann, sagt sie im Nachhinein, ist diese Grundmonotonie zu füllen, mit Träumen, Sehnen, Hoffen. – Kevin Vennemann

Der 1977 in Dorsten geborene und heute in Los Angeles lebende Autor hat schon einige empfehlenswerte Romane und Essays geschrieben. „Nahe Jedenew“, „Mara Kogoj“ und „Sunset Boulevard. Vom Filmen, Bauen und Sterben in Los Angeles“. Bekannt wurde er hierzulande aber auch mit den Übersetzungen von Marc Greif, Franco Berardi und Chris Kraus. Er lehrt am Scripps College Claremont, Kalifornien. Im Gespräch mit Mascha Jacobs erzählt er unter anderem von seinem aktuellen Buch.

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Dear Reader #32
Anna Prizkau über Lesesüchte und Kurzgeschichten

Dear Reader #32

Anna Prizkau über Lesesüchte und Kurzgeschichten

 

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Mascha Jacobs hat Anna Prizkau zum digitalen Gespräch eingeladen. Sie sprechen über Lesesüchte, Kurzgeschichten, ihre russische Leseschule und produktive Missverständnisse. Und natürlich hat Anna Prizkau auch ihre Lieblingstexte mitgebracht.

Anna Prizkau hat im Sommer 2020 ihr Debüt veröffentlicht. „Fast ein neues Leben“ ist in der Friedenauer Presse unter dem Dach von Matthes und Seitz erschienen. Es sind zwölf Kurzgeschichten, die für sich stehen, aber von einer namenlosen Ich-Erzählerin zusammengehalten werden. Und am Ende wird aus all den Kurzgeschichten die Lebensgeschichte eines Mädchens, das nach Deutschland kommt. Dieses Mädchen versucht, ihre alte Sprache und ihre Eltern zu verstecken.

Mehr als die eigene Geschichte

Dass die 1986 in Moskau geborene Autorin die Gefühle dieser Erfahrungen zwischen Angleichungsdruck, Überangepasstheit und Angst vor rassistischen Angriffen kennt, liegt nahe. Doch die Kurzgeschichten – knapp geschrieben, in lakonischen Sätzen – sind mehr als die literarisierten Erlebnisse der Autorin. Anna Prizkau sind universelle Geschichten über Scham, Verrat, Macht, Geheimnisse, Familie und Verlorenheit gelungen.

Kurzgeschichten werden hierzulande eher selten veröffentlicht, Anna Prizkau aber liebt sie. Nicht zuletzt, weil sie schnell, kurz und actionreich sind und Lesesüchtigen einen normalen Alltag ermöglichen.

Bei Romanen ist es so, dass es, wenn ich anfange zu lesen und mich festlese, sein kann, dass ich einen Tag das Haus nicht verlasse. Das ist wie bei Serien, ich bin ein Suchtmensch, wenn ich sie schaue, kann ich nicht eine Folge sehen, sondern muss die ganze Staffel schauen. – Anna Prizkau

Anna Prizkau: Mit zwei Sprachen leben

Eins der mitgebrachten Lieblingsbücher von Prizkau ist – wie passend – ein Kurzgeschichtenband: „Der Kabbalist vom East Broadway“ von Isaac Bashevis Singer (Hanser). Mascha Jacobs und Anna Prizkau sprechen auch über „Der Palast der Miserablen“ von Abbas Khider (Hanser) und Antonia Baums Memoir „Tony Soprano stirbt nicht“ (Hoffmann und Campe). Das Gespräch der beiden Frauen dreht sich aber auch um das Leben mit zwei Sprachen, ihre russische Leseschule und um das, was Literatur vermag.

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Dear Reader #31
Anne Waak über alternative Familienformen und ihre Lieblingsbücher

Dear Reader #31

Anne Waak über alternative Familienformen und ihre Lieblingsbücher

 

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Dieses Mal ist die Sachbuchautorin und Journalistin Anne Waak bei Mascha Jacobs zu Gast. Für ihr neues Buch hat die Sachbuchautorin und Journalistin Familien begleitet und porträtiert, die ihre Kinder abseits der heteronormativen Kleinfamilie großziehen. Ein Gespräch über alternatives Zusammenleben.

Anne Waak arbeitet als freie Journalistin, unter anderem für Monopol, Zeit Online und die Süddeutsche Zeitung. Sie ist gemeinsam mit Ingo Niermann und Joachim Bessing Herausgeberin des „Online-Archivs für literarischen Journalismus“. Sachbücher hat sie bislang schon zu sehr unterschiedlichen Themen verfasst: „Hartz IV und wir. Protokolle“ (als Ebook über waahr.de), „Der freie Tod. Eine kleine Geschichte des Suizids“ (Blumenbar) und „Kriegskinder“ (Hatje Cantz).

Anne Waak: Wir nennen es Familie

Anne Waak hat ein neues Sachbuch geschrieben, das gerade bei der Edition Körber erschienen ist. „Wir nennen es Familie. Neue Ideen für ein Leben mit Kindern“ heißt es. Für dieses Buch hat Waak Familien begleitet und porträtiert, die ihre Kinder abseits der heteronormativen Kleinfamilie großziehen. Denn die Indizien häufen sich, dass ein immer größer werdender Teil der Menschen unter den Belastungen dieser scheinbar unverrückbaren Norm leidet, ihr nicht entsprechen kann oder will.

Viele Modelle, wie man anders mit Kindern zusammenleben kann, sind allerdings an ökonomische Ressourcen gebunden. Heute sind Familien oft zu Kompromissen gezwungen. In der späten DDR war das anders. Anne Waak, die die ersten sieben Jahre ihres Lebens in der DDR aufgewachsen ist, hat von ihrer Mutter ein schönes Lebensmotto mit auf den Weg bekommen: Solange Wein im Kühlschrank steht, ist alles gut.

Meine Mutter hat gesagt: Wir hatten doch alles, Anne, wir hatten immer Wein, uns ging es immer gut. Geld hat zumindest bis zur Wende keine Rolle gespielt. – Anne Waak

Wie das scheinbar naturgegebene und an Blutsbande geknüpfte Modell historisch gewachsen ist, welche außereuropäischen und ganz anders organisierten Formen des Zusammenlebens mit Kindern möglich sind, und wie die kinderlose Autorin selbst eine andere Form der Beziehung zu Kindern lebt, darüber haben sich Anne Waak und Mascha Jacobs unterhalten.

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Dear Reader #30
Antonia Baum: „Ich war ja total männlich identifiziert“

Dear Reader #30

Antonia Baum: „Ich war ja total männlich identifiziert“

 

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Mascha Jacobs hat dieses Mal Antonia Baum eingeladen. Sie sprechen über Rap, Misogynie und darüber, wie man auf frühere Vorlieben zurückblickt. Und natürlich hat Antonia Baum auch ihre Lieblingswerke mitgebracht.

Antonia Baum, 1984 geboren, hat Literaturwissenschaft, Geschichte und Kulturwissenschaft studiert. Heute ist sie Autorin und Kolumnistin für DIE ZEIT. Neben Kurzgeschichten hat sie drei Romane und ein Memoir veröffentlicht: „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“ und „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“, „Tony Soprano stirbt nicht“ und „Stillleben“. Aktuell hat sie in der KiWi Musikbibliothek einen Essay über Eminem veröffentlicht.

Antonia Baum: Rap als Teil der Lesebiografie

Eminem spielte in Antonia Baums Sozialisation eine wichtige und nicht unproblematische Rolle. Er schockte vor rund zwanzig Jahren mit homophoben und frauenfeindlichen Texten und war als Weißer einer der erfolgreichsten Künstler in einem von Schwarzen erfundenen Genre. Das Thema „Eminem“ hat Baum deswegen damals und heute eine gewisse Akrobatik abverlangt. Vieles, was sie heute sehr problematisch findet, hat sie, als Teenager und mit Misogynie groß geworden, ignoriert. Eminems Texte und das Spiel mit der eigenen Biografie, seine Rollenprosa und seine Schreibhaltung waren ein wichtiger Impuls für die Schreibhaltung von Antonia Baum:

Rap war eine Spielart in meinem Repertoire, die mich ermutigt hat. Ja, ok, alles klar, lass uns anfangen, ich kann auch krass sein – und zwar auf dem Papier. – Antonia Baum

Rap ist Teil ihrer Lesebiografie. Mitgebracht hat Antonia Baum aber auch drei klassisch literarische Lieblingstexte: Erzählungen von Kafka und Lucua Berlin sowie Irmgard Keuns Klassiker „Das kunstseidene Mädchen“. Auch darüber spricht Mascha Jacobs mit ihr.

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