Journalismus

piqd HINTERGRUND #23
Von Sterbenden übers Leben lernen

piqd HINTERGRUND #23

Von Sterbenden übers Leben lernen

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Im Januar war piqd in Leipzig zu Gast. In der Wohnzimmer-Bar “Links neben der Tanke” erzählten Andreas Raabe und Aiko Kempen vom kreuzer-Magazin über den Angriff auf Connewitz 2016, Michael Kraske über das sächsische Problem mit Rechts und Alexander Krützfeldt las aus seinem Buch “Letzte Wünsche”.

Angriff auf Connewitz

Der Überfall von Neonazis und Hooligans auf den Leipziger Stadtteil Connewitz im Januar 2016 hat Spuren hinterlassen. kreuzer-Chefredakteur Andreas Raabe und Reporter Aiko Kempen beschreiben den Angriff und die Reaktion des Rechtsstaats seitdem. Der Umgang der Justiz mit den Vorfällen gibt Anlass zur Kritik, wie Kempen darlegt. Denn über 200 Menschen, die nach dem Angriff festgenommen wurden, kamen gegen ein (Teil-) Geständnis zumeist mit Bewährungs- und Geldstrafen davon.

"Alle sind, laut ihren Aussagen, in der letzten Reihe gelaufen, haben selbst nichts kaputt gemacht, haben auch nicht gesehen, wie etwas kaputt gemacht wurde und kannten auch niemanden dort." – Aiko Kempen ist Reporter bei kreuzer

Umgang mit Rechts

Journalist Michael Kraske ist ein “Zugezogener”, er ist in Westfalen aufgewachsen. Seit über 25 Jahren lebt er in Leipzig und stellte sich 2017 in einem Artikel die Frage, ob er nicht wieder wegziehen solle. Doch er sei “gekommen um zu bleiben”. Es geht ihm vor allem um die wachsende Zerrissenheit. Verstärkt wird das Gefühl durch Bewegungen wie Pegida, die das Leben in Sachsen für ihn mit sich bringt. Kraske spricht über die Zunahme rassistischer Grenzverletzungen, kritisiert die teilweise “Verständelei” von Medien und blickt voraus auf die anstehenden Wahlen in den östlichen Bundesländern.

"Ich kann etwas überhaupt nicht mehr kritisieren oder skandalisieren, wenn ich es gar nicht mehr ausspreche, sondern, wenn ich von den berühmten 'Sorgen und Ängsten der Bürger' spreche." Michael Kraskefordert eine klare Berichterstattung über rechte Gewalt und rassistische Grenzverletzungen.

Letzte Wünsche

Für ein Jahr konnte Alexander Krützfeldt Frank Wentzlow begleiten. Frank hat seine Frau Lissy an den Krebs verloren. Seitdem engagiert er sich in seinem Verein “Sternenfahrten”. Der ermöglicht todkranken Menschen mit einem umgebauten Krankenwagen ihre letzten Wünsche, denn das blieb Lissy verwehrt. piqd-Chef Marcus von Jordan fasst das Buch so zusammen:

"Alexander Krützfeldt hat ein Buch über den Tod geschrieben. Das heißt, eigentlich ist es ein Buch über das Leben unmittelbar vor dem Tod. Das heißt, eigentlich ist es ein Buch über das Leben. Das Buch heißt „Letzte Wünsche“ und ist bei „rowohlt“ erschienen." – Marcus von Jordan über das Buch

Im piqd-Salon hat Krützfeldt nicht nur aus dem Buch vorgelesen, sondern auch die ein oder andere Anekdote erzählt. Den besten Wunsch, den er miterlebt hat, was sein letzter Wunsch wäre und natürlich, wie er jetzt dem Sterben gegenüber eingestellt ist. Eine ehrliche, humorvolle Auseinandersetzung mit dem Sterben und vor allem Leben, wie sie absolut wünschenswert ist.

"Über Sterben sprechen ist wahnsinnig schwierig, über Sterben ein Jahr zu recherchieren ist vielleicht ein bisschen einfacher, weil man doch eine gewisse Routine kriegt." – Alexander Krützfeldt, Autor und freier Journalist

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piqd HINTERGRUND #6
„Ein Verdacht genügt und es wird auf Knopfdruck getötet“

piqd HINTERGRUND #6

„Ein Verdacht genügt und es wird auf Knopfdruck getötet“

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Emran Feroz recherchiert in Afghanistan über die zivilen Opfer von Drohnenangriffen. Anne Fromm berichtet nach der Geburt ihres Sohnes aus erster Hand über den Hebammen-Mangel. Und Martin Krohs will, dass Journalismus gemeinnützig finanziert wird. Wir haben die Autorinnen im für die sechste piqd HINTERGRUND-Folge getroffen.

“Tod per Knopfdruck” Über die zivilen Opfer von Drohnen-Angriffen

Die Menschen in der afghanischen Provinz sind auf sich allein gestellt. Niemand interessiert sich für sie, niemand kommt sie besuchen. Berichtet wird über sie aus der Distanz. Für Emran Feroz war irgendwann klar: Um authentisch berichten zu können und aus Respekt vor den Betroffenen und Bedrohten musste er mit den Menschen vor Ort reden. Wie schrecklich die Situation für die Menschen in Gebieten mit Drohneneinsätzen ist, wurde ihm erst klar, als er wieder in Deutschland war.

Wenn hier ein Unfall passiert, sind gleich Psychologenteams da, betreuen die Menschen. Dort findet so ein Angriff statt, dann gehen die Angehörigen selber hin, sammeln die Leichenteile auf, machen schnell die Beerdigung und dann leben die einfach weiter. Emran Feroz hat ein Buch über den US-amerikanischen Drohnenkrieg geschrieben.

Feroz kritisiert die fatale Widersprüchlichkeit von Drohnenangriffen. Die meisten Staaten, die Drohnenangriffe durchführen, nennen sich demokratische Rechtsstaaten, sagt er. Dort gibt es einen Prozess, bevor jemand verurteilt wird. Im Nahen Osten reicht dann aber auf einmal ein Verdacht aus, um ein Todesurteil zu fällen.

Versorgungsmangel bei Geburten in Berlin Ein Erfahrungsbericht

Vor der Geburt ihres ersten Kindes hatte Anne Fromm eine klare Vorstellung, wo sie ihr Kind zur Welt bringen will. Es sollte ein Krankenhaus mit Neonatologie sein, einer Station für Neugeborene, falls es bei der Geburt Probleme geben sollte. Als sie dann ihre Wehen bekam, lief plötzlich nichts mehr nach Plan. In der Klinik gab es keinen freien Kreißsaal.

"Ich hab mich natürlich auch total allein gelassen gefühlt. Man hat uns die Illusion verkauft, ihr seid bei uns sicher und euch kann nichts passieren und dann heißt es einfach nur: Ja, bei uns heute nicht, auf Wiedersehen, guckt mal, wie es so läuft."- Anne Fromm, taz

Anne Fromm recherchiert nach der Geburt weiter und findet heraus, dass sie nicht die Einzige ist, die eine negative Geburts-Erfahrung gemacht hat.

Gemeinnützige Förderung für Journalisten

Seit 2014 berichtet dekoder.org aus und über Russland. Und für diese exzellente Arbeit wurde die Seite 2016 sogar mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

Momentan wird dekoder noch privat von Martin Krohs finanziert und projektbezogen über Stiftungen gefördert. Mittelfristig soll es aber eine Möglichkeit geben, aus dem “dritten”, also dem gemeinnützigen Sektor finanziert zu werden. Denn Krohs meint, Journalismus sei ein gemeinnütziges Kulturgut, das es zu erhalten gelte.as wir brauchen, ist ein Qualitätsjournalismus, der ausgewogen ist, der verschiedene Perspektiven aufzeigt, der in die Tiefe geht, Zusammenhänge herstellt etc. Aber dafür Geld zu finden, ist unheimlich schwer. Martin Krohs hat dekoder.org gegründet.

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